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    Harry Potter für Nerds

    Es gibt nun wahrlich keinen Mangel an Fanfiction, die im Harry Potter-Universum der britischen Autorin Joanne K. Rowling angesiedelt ist. Gelesen habe ich davon noch nichts, ich vermute aber dennoch stark, dass sich das opus magnum (aktuell schon über 100 Kapitel) des MIRI-Mitgründers Eliezer Yudkowsky aus dieser Masse sehr positiv abheben wird. Yudkowsky ist vor allem auch durch sein Bemühen um die Verbreitung der Methoden des rationalen Denkens bekannt geworden und ist Betreiber und Hauptautor des sehr lesenswerten Blogs Less Wrong.

    Worum geht es?

    In Harry Potter and the Methods of Rationality versucht Yudkowsky, seine Ideen über rationales Denken und Problemlösen in eine Geschichte im Harry Potter-Universum einzubetten. Genau wie in Harry Potter and the Philosophers’ Stone wächst Harry im Haus seiner Tante Petunia auf, ohne zu wissen, dass er ein Zauberer ist. Anders als in Rowlings Werk ist Petunia allerdings nicht mit dem einfältigen Spießer Vernon Dursley verheiratet, sondern mit einem berühmten Chemieprofessor und Science-Fiction-Liebhaber. Auf den Blindgänger Dudley müssen wir schweren Herzens verzichten. Im Haus eines berühmten Naturwissenschaftlers aufzuwachsen bedeutet für Harry, dass er in der naturwissenschaftlichen Methode und im rationalen Denken schon vor seinem elften Geburtstag äußerst versiert ist. Als er dann ganz überraschend seinen Einladungsbrief nach Hogwarts erhält und erfährt, dass er eigentlich ein Zauberer ist, beschließt er, dieser ganzen Welt der Magie mit naturwissenschaftlichen Methoden auf die Schliche zu kommen.

    So wundert er sich über die Ineffizienz des Finanzsystems der Zauberwelt, denkt sich Experimente aus, um die Wirkungsweise neu erlernter Verzauberungen zu verstehen und plant, das magische Britannien durch Etablierung einer wissenschaftlichen Methodik völlig umzukrempeln. Die Transfiguration zwischen Alltagsgegenständen stellt ihn nicht zufrieden, lieber will er die Methode direkt auf die Molekularstruktur der Substanzen anwenden und so z.B. lange Kohlenstoffnanoröhrchen synthetisieren, die sich für einen Space Elevator verwenden ließen. Und einen revolutionären Algorithmus, der die Möglichkeiten der Zeitreise zur effizienten Primfaktorzerlegung großer Zahlen nutzen soll, denkt er sich auch aus.

    Didaktischer Nutzen

    Kurz und gut: Mit Magie und wissenschaftlicher Methode prallen wahrlich zwei gegensätzliche Kulturen aufeinander. Das sorgt für viel Situationskomik, macht aber auch eindringlich die unglaubliche Fruchtbarkeit und Allgemeingültigkeit des wissenschaftlichen Denkens bewusst. Die Methode lässt sich in jeder Situation anwenden. Ob man dabei Stöße zwischen zwei Pendeln oder die Wirkungsweise von Zaubersprüchen untersucht, spielt eigentlich keine Rolle. Mit diesem Trennen der naturwissenschaftlichen Methodik von ihren traditionellen Inhalten ist Yudkowsky in meinen Augen ein didaktischer Geniestreich gelungen. Es ist nicht einfach, wissenschaftlichen Laien die gewaltige Stärke des Zusammenwirkens von Experiment und Theorie zum Erkenntnisgewinn anhand der Galileischen Versuche mit schiefen Ebenen zu vermitteln, da die so gewonnenen Erkenntnisse schon seit Jahrhunderten bekannt sind. Aktuelle Forschungen lassen sich ebenfalls schlecht zur Vermittlung der Methode einsetzen, da sie viel zu viel Hintergrundwissen erfordern, um von Laien wirklich nachvollzogen werden zu können. Warum also nicht einfach einen jungen Menschen in eine völlig neue Welt versetzen, die nach gänzlich anderen Regeln funktioniert als sein bisheriger Alltag und ihn deren Gesetze mit Hilfe rationalen Denkens und wissenschaftlicher Experimente entdecken lassen? Eine großartige Idee! Leider bisher nur auf Englisch…

    Literarische Kritik

    Die literarische Qualität der Kapitel schwankt stark. Einige Kapitel sind überaus gelungen und reichen in ihrer intellektuellen Finesse schon dicht an Hofstadters Gödel, Escher, Bach heran. In anderen wirkt die Integration der rationalistischen Denkmuster sehr gewollt und aufgesetzt und es wird deutlich, dass verschiedene Nebenäste der Handlung nur dadurch motiviert sind, dass Yudowsky noch einen Gedankengang seiner Philosophie unterbringen wollte. Die Charaktere, schon im Original nicht besonders komplex ausgestaltet, werden in Yudkowskys Version noch etwas flacher und weichen des Öfteren psychologisch stark von Rowlings Figuren ab. Dies stört aber beim Lesen nicht besonders, der Fokus des Werkes ist ein anderer. Yudkowsky geht es vor allem darum, seine rationalistische Philosophie darzustellen, in einer fiktiven Welt zu erproben und mit lebendigem Esprit und Humor zu verbinden. Das ist ihm in hervorragender Weise gelungen.

    Audioversion

    Von Yukowskys Harry Potter-Serie gibt es auch einen sehr gelungenen, semi-professionell gelesenen Audiopodcast. Auch dieser sei hiermit zum Genießen empfohlen :)

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